Objekt des Monats


Die Knidische Aphrodite des Praxiteles

Im Zusammenhang mit der aktuellen Sonderausstellung „nackt! Die Kunst der Blösse“ stellen wir die berühmte Aphrodite von Knidos des Athenischen Bildhauers Praxiteles vor, die im Introraum der Sonderausstellung in einem Abguss der Skulpturhalle prominent inszeniert wird. 

Die um 340 v. Chr. von Praxiteles gearbeitete und im Heiligtum der Stadt Knidos aufgestellte Statue war laut dem römischen Autor Plinius d.Ä. das bekannteste Werk der Antike, wie er in seiner Naturgeschichte (36,20) schreibt: „…an erster Stelle aller Werke, nicht nur derer des Praxiteles, sondern auf dem ganzen Erdkreis, steht seine Aphrodite, zu der viele nach Knidos fuhren, um sie zu sehen“. Ihr Ruhm beruhte vor allem auf der Tatsache, dass sie die erste griechische Grossplastik war, die einen weiblichen Körper in völliger Nacktheit zeigte. Die Berühmtheit des Werks spiegeln die zahlreichen römischen Kopien wider, wobei sich allerdings keine wirklich vollständig erhalten hat. Bei unserem Abguss ist eine kopflose Statue im Vatikan mit einem Kopf im Louvre vereint. Das Antikenmuseum besitzt zudem den Torso einer weiteren Replik der Knidia (Lu 236).

Die nackte Göttin steht im klassischen Kontrapost und mit nach rechts gewendetem Kopf da. Typisch für Praxiteles sind die schwungvolle Kontur des Körpers und die zur Seite ausgebreitete Komposition. Während der rechte Arm vor dem Bauch herabhängt und die Hand wie unwillkürlich die Scham bedeckt, lässt die Linke das eben abgestreifte Gewand auf das rechts stehende Wassergefäss herabgleiten. Die Göttin hat sich ausgezogen, um ein Bad zu nehmen. Die Nacktheit dient also keiner „billigen“ Zurschaustellung, sondern wird durch eine natürliche Handlung begründet. Dieser motivische Sachverhalt ist typisch für die Zeit des Praxiteles. Die Standbilder des 4. Jhs. v. Chr. zeigen die Götter nämlich auch sonst vorzugsweise bei profanen, alltäglichen Handlungen. Doch was damals völlig neu war, ist der Umstand, dass hier eine Göttin völlig nackt gezeigt wird. Bis anhin war die Nacktheit in der klassischen Bildkunst auf heroische Männergestalten eingeschränkt: Götter, Helden und Athleten. Der weibliche Akt war hingegen ein Tabu. 

Die praxitelische Aphrodite ist der Blicke der Betrachter nicht gewärtig; im Gegenteil, die Betrachter werden in die Rolle des unbemerkten Zuschauers versetzt. Genau dieses „voyeuristische“ Gefühl war für die Kunstbetrachter im damaligen Griechenland eine völlig neue Erfahrung. Dieser Sachverhalt hat, zusammen mit dem Gerücht, dass Praxiteles in der Aphrodite seine Geliebte Phryne porträtiert haben soll, den Sensationsruhm der Knidia begründet. Ursprünglich als Kultstatue für einen Tempel in Kos gedacht, fand sie Aufstellung im Aphroditeheiligtum in Knidos und avancierte dort schnell zu einer regelrechten touristischen Attraktion. Allein wegen ihr strömten zahllose Besucher nach Knidos, um die nackte Göttin zu sehen, wie die eingangs zitierte Passage des Plinius verrät. Aufgestellt war das Werk in der Mitte eines Rundbaus, in welchem sie von besonders Neugierigen dank einer rückwärtigen Tür auch von hinten bewundert werden konnte. Die Statue war ursprünglich – wie alle griechischen Marmorwerke – farbig gefasst, was ihr zu einem lebensechten Eindruck verhalf. Antiken Berichten zufolge soll ein heftig erregter Bewunderer sogar versucht haben, die Statue zu schänden.

In der Ausstellung wird der Gipsabguss der Knidia abwechselnd mit farbiger Projektion „eingefärbt“. Mal erscheint die Göttin als weisse Statue mal – dank den projizierten Haut- und Gesichtsfarben – wie ein warmer Frauenkörper, der die Göttin lebendig erscheinen lässt und die Wirkung, die dieses berühmte Werk auf die damaligen Betrachter ausgeübt hat, nachfühlbar macht. 

Dr. Tomas Lochman, Kurator Dauersammlung, Fachbereich griechische und römische Skulpturen