Objekt des Monats


Den Faden nicht verlieren! 

Die Geschichte von Theseus' Kampf gegen den Minotauros gehört zu den bekanntesten Sagen der griechischen Mythologie. Als Sühne für seinen in Athen umgekommen Sohn Androgeos verlangte der kretische Herrscher Minos von den Athenern alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge. Diese wurden jeweils nach Kreta in das berühmte Labyrinth geschickt, wo sie vom Minotauros, einem Mischwesen aus Mensch und Stier, verschlungen wurden. Vom Mitleid für die Eltern der Kinder erfüllt, bot sich der athenische Held und Königssohn Theseus als Opfer an. Gegen den Willen seines Vaters Aigeus segelte Theseus mit den Jungfrauen und Jünglingen nach Kreta. Dort angelangt, verhandelte er mit König Minos die Freilassung der Opfer, sollte es ihm gelingen, den Minotauros zu töten. Viel wichtiger aber für den Ausgang der Geschichte ist die Tatsache, dass Minos' Tochter Ariadne sich auf den ersten Blick in den athenischen Helden verliebte. Sie versprach, unter der Bedingung, dass er sie danach heirate, ihm bei seinem gefährlichen Unterfangen zu helfen. So übergab sie Theseus einen magischen Wollknäuel, den sie ihrerseits von Daidalos, dem Erbauer des Labyrinths, erhalten hatte, und erklärte, er solle ihn beim Eintreten in das Labyrinth aufwickeln, um auf diese Weise seinen Weg zurückzufinden. Dank der Unterstützung durch die Königstocher gelang es Theseus nicht nur, den Minotauros zu töten, sondern auch aus dem Labyrinth zu fliehen und so die athenischen Jugendlichen zu retten. Auf dem Rückweg nach Athen brach Theseus jedoch sein Versprechen gegenüber Ariadne und liess diese schlafend auf der Insel Naxos zurück.

Darstellungen der Minotauros-Sage sind in der bildenden Kunst überaus zahlreich. Sie finden sich auf griechischen Vasen, allen voran auf solchen aus Attika, aber auch in der Skulptur, auf römischen Wandmalereien und auf Mosaiken, wobei sie in den allermeisten Fällen den eigentlichen Kampf zwischen Theseus und dem Ungeheuer zur Darstellung brachten. 

Ganz anders hingegen verhält es sich mit unserer kleinen Tontafel (griech. pinax). Auf den ersten Blick erkennt man eine zunächst völlig unspektakuläre Episode der Geschichte: zwei schlanke Figuren stehen sich gegenüber. Rechts erblicken wir eine junge Frau (Ariadne) mit offenem Haar und in einem knöchellangen, mit Rauten verzierten Gewand gekleidet. Rechts steht ein Jüngling (Theseus) mit kurzem Chiton. Seine rechte Hand richtet er - als Zeichen der liebevollen Umwerbung - auf das Kinn der Frau. Im Gegenzug überreicht sie ihm einen länglichen Gegenstand, der die Bildmitte einnimmt und gewissermassen als Symmetrieachse der Komposition fungiert. Es ist dies die Spindel mit dem sprichwörtlichen Faden, mit dem Theseus wieder aus dem Labyrinth herausfinden soll. Mit diesem einfachen, sehr liebevoll gestalteten Bild ist nicht nur das innige Verhältnis zwischen Ariadne und Theseus dargestellt, sondern vor allem auch ein entscheidender Wendepunkt in der Minotauros-Sage, der sich für den erfolgreichen Ausgang des Abenteuers als entscheidend erweisen wird.

Die Art und Weise wie die Figuren dargestellt sind - ihre hochgewachsene Form, die schmale Taille, sowie die Gestaltung der Frisuren - ist typisch für die kretische Kunst des 7. Jahrhunderts v. Chr. Aus dieser Zeit sind Sagenbilder nur spärlich überliefert, was die Bedeutung unserer kleinen Tontafel unterstreicht.

Solche Relieftafeln wurden vermutlich als Weihgaben in Heiligtümern gestiftet, wo sie - wie das kleine Loch an der Oberseite suggeriert - aufgehängt wurden. Über die Bedeutung, die der Stiftende diesem Bild beimass, kann man nur spekulieren. Ist es möglicherweise eine Anspielung auf das von Theseus gebrochene Versprechen, Ariadne nach dem glücklichen Ausgang der Geschichte zu heiraten?

Laurent Gorgerat, Kurator Sonderausstellungen, Fachbereich Vorderer Orient

Tonrelief mit Theseus und Ariadne, kretisch, 7. Jh. v. Chr., Schenkung H. und T. Bosshard, Inv. Bo 105