Objekt des Monats

Ein kleiner Kuros

Von mehreren Objekten, die zurzeit in unserer Sonderausstellung „nackt!“ zu sehen sind, hatte Fotograf Ruedi Habegger unlängst neue Aufnahmen angefertigt. Die Qualität seiner Fotos, die selbst bei Kleinobjekten Details hervortreten lässt, die man beim Augenschein vor dem Originalobjekt kaum wahrnimmt, war diesmal ausschlaggebend für die Wahl des „Objekts des Monats“.

Es ist die kleine Bronzefigur eines sog. Kouros, die um 530 v. Chr. wahrscheinlich in einer argivischen Werkstatt geschaffen wurde. Sie zeigt einen muskulösen nackten Jüngling mit breiten Schultern in einer streng frontalen Stellung und Proportionierung wie wir sie auch von den grösseren archaischen Kuros-Statuen her kennen.

Kouros – die griechische Bezeichnung für ‹Knabe› – wird allgemein für die archaischen Jünglingsstatuen verwendet. Das weibliche Gegenstück zur Kurosstatue ist die Kore, was ‹Mädchen› bedeutet. Beide, Kuros wie Kore, stehen stets in rigider Frontalität da. Während die Mädchen bekleidet sind und einen Gegenstand in ihrer Rechten halten, stehen die Kuroi ohne Beiwerk und in vollständiger Nacktheit da. Die Arme hängen eng am Körper herab, die Hände sind zu Fäusten geballt. Von der archaischen Stilsprache, welche besonders wichtige Körperteile durch ornamental gefärbte Stilisierung betont, geht eine faszinierende Wirkung aus. Eine Besonderheit machen in dieser Beziehung die wie aufgesetzt wirkenden Lippen mit den hochgezogenen Mundwinkeln aus, weil sie den Eindruck hervorrufen, als ob alle archaischen Statuen lächeln würden. Doch dieses „archaische Lächeln“ ist der stilisierenden Formensprache geschuldet und kein Ausdruck eines bestimmten Gemütszustands: Die Korai und Kuroi geben denn auch niemals spezifische Individuen wieder, sondern sind bildwörtlich als zeitlos junge Idealgestalten zu verstehen. Oft haben die dargestellten Jünglinge noch keine Schamhaare, doch der Körper ist bereits von vollendeten Proportionen und Muskeln durchdrungen. Bemerkenswert ist, wie der Künstler an unserem Kuros die Bauchmuskulatur differenziert hat. Ein solches „Sixpack“ würden sich heute so manche Männer wünschen... Dem Übergang vom Knaben zum Mann massen die Griechen eine enorme Bedeutung bei: Denn aus einem trainierten Jungen kann ein leistungsfähiger Mann werden, der in der Gemeinschaft wichtige Funktionen übernimmt. Aus diesem Grund genoss im archaischen und klassischen Griechenland der Sport seinen hohen Stellenwert. Mit ‹schön› und ‹gut› (kaloskaiagathos) fassten die Griechen das Ideal des heranwachsenden Mannes zusammen, das in keiner anderen Form besser als am nackten Kunstkörper festgemacht werden konnte. Von den allerersten rundplastischen Männerstatuen der Archaik an ist die Nacktheit quasi die „Uniform“ des idealen Mannes, die sich in der Bildkunst in den so zahlreichen nackten und dabei immer perfekten Darstellungen des Männerkörpers niederschlägt.

Dr. Tomas Lochman, Kurator Dauersammlung, Fachbereich griechische und römische Skulpturen