Objekt des Monats


Der Sieg der Griechen über die Perser 

Im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. griffen die Perser unter den Königen Dareius und Xerxes I. Griechenland an. Die sogenannten Perserkriege gingen mit dem Sieg der Griechen bei Marathon (490 v. Chr.) und in der Seeschlacht bei Salamis (480 v. Chr.) in die Geschichtsbücher ein. Der grosse griechische Historiker Herodot (um 490 – ca. 424 v. Chr.) beschreibt in seinen Historien ausführlich die berühmten Schlachten und glanzvollen Siege der Griechen. Der grosse Befreiungskampf wurde auch in der griechischen Kunst thematisiert: Noch ungefähr zwanzig Jahre nach Kriegsende verzierte ein athenischer Vasenmaler ein Weinmischgefäss mit Szenen aus den Perserkriegen. Auf beiden Seiten des Gefässes wird ein persischer Kämpfer dargestellt. Bekleidung und Waffen entsprechen dem Bericht Herodots, der Angehörige der persischen Streitmacht beschreibt: „Zuerst die Perser, in folgender Rüstung: Auf dem Kopf trugen sie eine sogenannte Tiara; das sind weiche Filzhüte; auf dem Leib einen bunten Ärmelrock mit Eisenplättchen wie Fischschuppen. Die Beine waren mit Hosen bekleidet. Statt der metallenen hielten sie Flechtschilde, darunter hing der Köcher. Sie hatten kurze Speere, grosse Bogen und Rohrpfeile. (…) Die Meder (Medien war eine Satrapie = „Provinz“ im Perserreich) zogen mit der gleichen Rüstung in den Krieg; denn die Ausrüstung ist eigentlich medisch, nicht persisch“[1]. Obschon der Grieche auf dem Vasenbild nur ein kurzes Mäntelchen trägt, gingen die Griechen in Realität mit schwerer Rüstung in den Kampf: „An Mut und Stärke standen die Perser nicht nach. Sie besassen aber keine schwere Rüstung; dazu waren sie ungeschickt und ihrem Gegner an Kriegskunst nicht gewachsen. (…) Am meisten Nachteil brachte ihnen natürlich ihre Kleidung, die ohne Schutzwaffen war. Sie kämpften als Leichtbewaffnete gegen schwergerüstete Gegner“. Diese Überlegenheit der Griechen galt aber nur im Nahkampf, aus der Entfernung waren die Perser wegen ihrer furchterregenden Bogenschützen sehr gefährlich. Für die Griechen war es also entscheidend, möglichst rasch die Distanz zum feindlichen Heer zu überwinden. Diese Taktik wendeten sie im September 490 v. Chr. bei Marathon an: „Als die Aufstellung beendet war und die Schlachtopfer günstig ausfielen, stürmten die Athener auf Kommando im Laufschritt gegen die Barbaren vor. (…) Die Perser sahen sie im Laufschritt herankommen und rüsteten sich, sie aufzuhalten. Sie warfen den Athenern Wahnsinn vor, völlig verderblichen Wahnsinn, als sie die kleine Schar heranstürmen sahen und dazu noch im Lauf. (…) Sobald aber der Haufe der Athener auf das Feindheer stiess, kämpften sie beachtlich tapfer. Als erste von allen Griechenstämmen, von denen wir etwas wissen, griffen sie im Laufschritt an, als erste hielten sie den Anblick medischer Kleidung und medischer Krieger aus. Bis dahin war es den Griechen ein Schrecknis, auch nur den Namen der Meder zu hören“. Die Bilder auf dem Gefäss, in dem die Griechen Wein mit Wasser mischten, belegen, dass sie nach dem Sieg über die Perser den Anblick eines medischen Kriegers sogar während eines Banketts aushielten. Er stand als Sinnbild des unbändigen Freiheitsdranges eines jeden Atheners.
Der Maler verwendet lediglich einen anonymen griechischen Kämpfer, um die Tapferkeit und Überlegenheit der Griechen darzustellen. Er zeigt keine Angst vor dem schreiend und furchteinflössend heranstürmenden Gegner und stösst ihm ganz unangestrengt und siegesbewusst die Lanze in die Brust.
Jeder Athener verstand die Aussage des Bildes: Es zeigt den Sieg der griechischen Zivilisation über das Fremde, Barbarische und war den Athenern Ansporn, über die Geschichte ihrer Stadt nachzudenken, die sich dank des erfolgreichen Befreiungskampfes nun ihrem kulturellen Höhepunkt nähern konnte. 

Dr. Esaù Dozio, Kurator, Leiter Griechenland und Rom - Vasensammlung

Sämtliche Zitate aus J. Feix (Hrsg.), Herodot, Historien (Artemis Verlag).

Bild: Weinmischgefäss; Athen, um 460 v. Chr.; Inv. BS 480; Erworben mit Mitteln aus dem Vermächtnis von Prof. F. Merke