Objekt des Monats

Kalos kai agathos 

Ein Alltagsgegenstand, der mit einer alltäglichen Szene verziert wurde... Was ist an dieser Weinkanne aus der Zeit um 440 v. Chr. so spannend, dass man sie als Objekt des Monats wählt? Auffallend ist zunächst die hochstehende handwerkliche Qualität des Gefässes. Der Maler hat die kleinformatige Darstellung meisterhaft konzipiert. Zwei erwachsene Athleten rahmen die Szene ein: mit einer Strigilis, einem gebogenen Reinigungsgerät, schaben sie sich nach dem Training Schweiss, Sand und Öl von der Haut. Die natürliche Krümmung der Kanne wurde gekonnt genutzt, um diese Figuren beinahe dreidimensional wirken zu lassen. Die Bewegung ihrer nackten Körper lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters zur Bildmitte, wo ein ebenfalls nackter Knabe steht. Das Zentrum der Darstellung wird also von der kleinsten Figur dominiert. Das ist nicht nur wegen seines jungen Alters und der geringen Körpergrösse überraschend: auch seine soziale Stellung ist viel niedriger als jene der zwei Erwachsenen. Beide Athleten gehören der Oberschicht der Stadt Athen an, wo die Kanne entstand. Mit regelmässigem Training in der Palästra bereiteten sie sich auf den Krieg vor und verwirklichten zugleich das griechische Männerideal, das neben einer moralischen Vollkommenheit einen schönen, harmonischen Körperaufbau vorsah. Ganz nach dem Motto kalos kai agathos („schön und gut“). Entsprechend idealisiert sind auch ihre Gesichter. Der junge Knabe hingegen, der in seiner linken Hand ein Salbölgefäss trägt, ist wahrscheinlich ein Sklave, der in der Palästra arbeiten muss. Diese Vermutung basiert auf dem Kontext der Szene, wird aber auch durch die nicht idealisierte Darstellung seines Gesichtes bekräftigt. Die vorstehende Unterlippe ist wohl als „ethnographische Studie“ zu verstehen, wodurch der Maler auf die nicht griechische Herkunft des Jugendlichen hinzuweisen scheint. Ihm steht also keine brillante politische oder militärische Karriere in der athenischen Demokratie bevor. Als unfreier Mann ausländischer Herkunft ist er von Anfang an vom politischen Leben der Stadt ausgeschlossen. Ganz andere Zukunftsperspektiven dürfte hingegen der Jugendliche haben, der in der Inschrift zwischen den beiden Athleten genannt wird: Euaion kalos Aisxulo, „der schöne Euaion, Sohn des Aischylos“ steht dort geschrieben. Euaion wird also wegen seiner dem Ideal nahen Schönheit gepriesen De Erwähnung des Vaters betont seine legitime Abstammung, wodurch er Anspruch auf die kompletten politischen Rechte hat. Der berühmte Dichter Aischylos, der heute noch aufgeführte Tragödien verfasste, hatte nachweislich einen Sohn Namens Euaion, so dass sich unser Gefäss vermutlich indirekt mit einer der wichtigsten Persönlichkeiten der griechischen Kunst und Kultur in Verbindung bringen lässt. Eine banale Alltagsszene in der Palästra erlaubt uns also demnach, einiges über die damalige Gesellschaft zu entdecken und die Inschrift liefert zudem einen Hinweis auf eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Antike. Unsere Weinkanne wurde unmittelbar nach ihrer Anfertigung in Athen nach Mittelitalien verschifft und dort im Tausch gegen Rohstoffe, vor allem Metalle, verkauft. Ihre Benutzer waren also keine Griechen, sondern die dort ansässigen Etrusker. Wieviel haben sie von dieser Szene, die so tief in der griechischen Kultur verwurzelt war, verstanden? Haben sie deren Details, wie Nacktheit, Ideal und Sport, ähnlich wie die Griechen gedeutet oder sie vielmehr nach eigenen Denkmustern interpretiert? Diese Fragen werden wir nie endgültig beantworten können. Sie beweisen aber, dass wir die antiken Kulturen nicht gänzlich voneinander getrennt betrachten sollten, da sie damals in ständigem Kontakt miteinander standen und sich dank dem Handel gegenseitig, und zwar auch anhand von Kunst- und Handwerksprodukten, beeinflusst haben.

Dr. Esaù Dozio, Kurator Sonderausstellungen, Fachbereich griechische und römische Vasen

Weinkanne aus Athen, um 440 v. Chr., Inv. BS 485, Schenkung Fritz Bernheim

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